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Alte Quarzsandgrube Benken

Wer Benkens subtropische Küste aufsuchen will, sollte die Kinder fragen. Sie wissen alle, wo die Brandung des Tethysmeers einst Muscheln und Haifischzähne an den Strand spülte: beim früheren Quarzsandwerk, das etwas versteckt im Wald ob dem Dorf liegt.

Bis 1983 dröhnten hier noch Maschinen, die Quarzsand abbauten. Geblieben ist eine hohe Wand aus Nagelfluh und Sandstein. Sie zeugt davon, wie marine Sedimente durch Ablagerungen von Flüssen und Gletschern überdeckt wurden. Heute bildet die ehemalige Quarzsandgrube ein Naturschutzgebiet, wo seltene Vogelarten, Insekten, Frösche und Ringelnattern eine Heimat finden. 

Während eines Jahrhunderts spülte der Rohstoff viel Geld in die Gemeindekasse des Winzerdorfs. Sammlern von Fossilien galt die Grube seit jeher als Eldorado. Für den Betrieb waren diese aber lediglich ein Nebenprodukt. Begehrt war der Benkemer Sand wegen seines hohen Quarzanteils. Deswegen zählten Glashütten zu den ersten Abnehmern. 

Bremssand für die Bahnen

Wann genau mit dem Abbau begonnen wurde, ist nicht bezeugt. Der Flurname «Sandwäschi» deutet aber darauf hin, dass der Benkemer «Glassand» schon früh bekannt war. In grossem Stil setzte die Ausbeutung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein: 1857 dampfte der erste Zug von Winterthur nach Schaffhausen, und so konnte der schwere Rohstoff nun schnell in die Zentren der aufstrebenden Giesserei- und Metallindustrie verschickt werden. Bedarf hatten auch die Bahnen selber und später die Trambetriebe: Sie bestellten regelmässig grosse Mengen an «Bremssand». 

Zum Ärger der Benkemer liess die neue Bahnstrecke ihr Dorf allerdings links liegen. Verladestation für das gewichtige Gut wurde die drei Kilometer vom Abbaugebiet entfernte Station Marthalen. Immerhin: Das bedeutete viel Arbeit für jene, die Ross und Wagen besassen. Die Gemeinde, die das Quarzsandwerk in Eigenregie betrieb, schloss Verträge mit «Sandfuhrleuten» und stellte Taglöhner und Kleinbauern als Arbeiter ein. 

Wunde im Wald. Das Quarzsandwerk frass sich immer weiter in den Wald. Das besiegelte später sein Ende, denn weitere Rodungen wurden nach 1980 nicht mehr bewilligt.

2.50 Franken Lohn pro Tag

Ein «Tagbuch» von 1870 listet die Namen auf: Meister, Leu, Räss, Strasser, von Auw, Uttinger – alles Benkemer Familiennamen. So brachte die Gemeinde ihre ärmeren Einwohner zu Lohn und Brot. Für ein Tagwerk erhielten sie 2.50 Franken. Gleichzeitig warf das Werk einen Reingewinn von über tausend Franken pro Jahr ab. Das reichte immerhin, um fünf bis sieben Milchkühe zu kaufen. Zufall oder nicht: 1868 erstellte man das stattliche Gemeindehaus. Es erfüllt heute noch seinen Zweck, obschon es wohl auch ein wenig auf Sand gebaut war. 

1871 wurden in Marthalen 39 Eisenbahnwaggons mit zehn Tonnen Sandfracht beladen. Drei Jahrzehnte später waren es über 200. Als 1910 der elektrische Strom Benken erreichte, investierte die Gemeinde massiv in eine moderne Sandsortier- und Waschanlage. Gerade rechtzeitig, denn im Ersten Weltkrieg stieg die Nachfrage drastisch auf jährlich 900 Waggons an. Das Werk strich 1916 einen satten Gewinn von rund 30’000 Franken ein, entliess aber im gleichen Jahr aufgrund «unliebsamer Ereignisse» fünf ihrer Arbeiter fristlos. 

Bergwerksarbeit. Die ergiebigsten Sande lagerten tief unter anderen Schichten. Sie wurden noch in der Zwischenkriegszeit im beschwerlichen Stollenvortrieb abgebaut.

Von der 58- zur 48-Stunden-Woche

Nur widerwillig führte die Betriebsleitung auf Druck des Kantons eine Fabrikordnung ein, die den Arbeitern aber kaum Schutz bot. Doch 1918 wehte der revolutionäre Geist auch bis ins Weinland, und so beugte sich der Gemeinderat den Forderungen der Arbeiter: Er senkte die wöchentliche Arbeitszeit von 58 auf 48 Stunden und hob den Stundenlohn von neunzig Rappen auf einen Franken an. 

Noch immer war die Sandgewinnung harte Handarbeit in Bergwerksmanier, denn die tieferen Sandlager wurden mit Stollen abgebaut. Zwar nahm die Menge zu, sodass die SBB 1931 gar auf eigene Rechnung in Marthalen eine neue Verladerampe baute. Doch war nicht alles Goldgrube, was glänzte: 1936 stellte man fest, dass der frühere Betriebsleiter die Gemeinde über Jahre um grosse Summen betrogen hatte. Der materielle Schaden liess sich zwar durch die steigenden Lieferungen während der Kriegsjahre eingrenzen, doch die Glanzzeiten des Quarzsandwerks waren vorbei. 

Fossilienjäger. Für Paläontologen und Geologen bildete die Benkemer Sandgrube ein Eldorado. Geologe Leo Wehrli hielt beeindruckende Momente mit der Kamera fest (1928 und 1934).

Haifischzähne auf Sportplätzen

In der Nachkriegszeit rutschte das Werk in die roten Zahlen, und der Gemeinde fehlte das Geld für die nötige Modernisierung. So vergab sie 1961 die Abbaurechte an die Firma Bader AG, die massiv investierte und die jährliche Ausbeute auf 26’000 Tonnen verdoppelte. Dennoch kam 1983 das Ende, weil der Kiesunternehmer keine Bewilligung mehr für weitere Waldrodungen erhielt. Die Werkanlagen wurden abgebrochen, und im renaturierten Areal kehrte Ruhe ein. 

Was noch lange nachhallte: Die Bader AG lieferte den Quarzsand an unzählige Sportanlagen in der ganzen Schweiz. Und so machten Kinder auch weitab vom Fundort erfolgreich Jagd auf Benkemer Haifischzähne.

Volksvergnügen. Haifischzähne, Fossilien, Quarzsandkristalle: Die ­Teilnehmenden an einer ­Exkursion suchen nach Schätzen – wie es Kinder bis heute machen.

Erlebnis

Goldgrube im Winzerdorf

Im Wald oberhalb von Benken schlummert ein ehemaliges Quarzsandwerk – bis heute ein Eldorado für Fossilienjäger. Auch wenn der Abbau 1983 endete, die rund vierzig Meter hohe Abbauwand bleibt imposant. Einfach vom Dorfkern Benken aus der Quarzwerkstrasse entlanggehen.