illustration

Archäologische Fenster

Was steckt unter dem Lindenhof? Und, igitt, wie funktionierte einst der «Ehgraben»? Das Amt für Städtebau der Stadt ­Zürich händigt ­einem den Schlüssel für ­solche ­«archäologische Fenster» aus – kostenlos. 

Schon der Gang zum Stadthaus Zürich lohnt sich. Ausserhalb offizieller Besucherzeiten, zwischen 17 und 18 Uhr, entfaltet der leere Arkadenhof im Stil der Neurenaissance seine ganze Pracht. Am einzigen Schalter, der noch offen ist, lächelt ein Mitarbeiter. Seine Schlüssel zu den «archäologischen Fenstern» sind begehrt. Sie werden gegen Ausweis ausgehändigt. Von dieser vertrauensvollen Möglichkeit schwärmen Influencer bis nach Amerika.

Die Zürcher Besonderheit gibt es seit über achtzig Jahren. Sie führt zu historischen Orten, wo man Geschichte am Schauplatz des Geschehens erleben kann.

Pionierarbeit der alten Römer

Auf der nahen Lindenhofterrasse, bei Lindenhof 4, lässt sich der Pflastersteinboden wie ferngesteuert in Bewegung setzen. Unter der Metallklappe führt eine Treppe zur Gründungszeit von Zürich hinunter. Am strategisch bedeutenden Ort legten die Römer ab dem ersten Jahrhundert den Grundstein zur späteren Zollstation «Turicum». Ein gut erhaltenes Mauerwerk weist darauf hin. Darüber entstand im vierten Jahrhundert ein Turm des spätrömischen Kastells. 

In den 1930er-Jahren erkundete Emil Vogt, späterer Direktor des Landesmuseums, mit Arbeitslosen die Lindenhofterrasse. Um den alten Baumbestand zu schonen, erlaubte die Stadt Zürich nur Schnittgrabungen. Gut möglich, dass unter den mächtigen Wurzelwerken auf dem 4’500 Quadratmeter grossen Gelände noch unentdeckte archäologische Perlen schlummern.

Zürcher Katakomben. Eine Treppe auf dem Lindenhof führt zum Ursprung Zürichs. Die Gemäuer stammen von einem Haus der Römersiedlung Turicum aus dem 2./3. Jahrhundert.

Notdurft als Düngemittel

Konkreter wird es beim nächsten archäologischen Fenster, dem «Ehgraben» bei Schifflände 30/32 – wenn man den Eingang findet. Ein eindringlicher Geruch empfängt einen. Eine Toilettenspülung ertönt: Stammen neben der Gerüche auch die Geräusche aus aktuellster Gegenwart?

Das Interesse für den Lauf der Geschichte ist aber grösser als das beklemmende Gefühl: In die «Ehgräben» zwischen zwei Häusern fielen bis ins späte Mittelalter Exkremente und Rüstabfälle. Unten trug man sie zusammen, um sie als Dünger auf die Felder zu bringen – ein «Scheissjob».

1867 bewilligten die Stimmbürger die «Kloakenreform» nach Pariser Vorbild. So gelangte Frischwasser in die Wohnungen. Die Ausscheidungen wurden dann im Graben nach fest und flüssig getrennt. Durch die Entdeckung der Bakteriologie ab Ende des 19. Jahrhunderts klärten sich die Zusammenhänge zwischen Krankheiten und Verschmutzungen. Heute sind die Herausforderungen im Gewässerschutz weniger sichtbar: Die Wissenschaft kämpft gegen Medikamente, Hormone und Rauschmittelrückstände im Abwasser.

Offen für alle

Wieder an der frischen Luft, gehts weiter zur Uraniastrasse 3, wo im Parkhaus ein römischer Goldschatz und das verschwundene Frauenkloster Oetenbach aufwarten. Das Fenster ist frei zugänglich wie die Pfahlbaufunde aus der Steinzeit im Parkhaus Opéra beim Opernhaus auch. Insgesamt elf Orte lässt die Stadtarchäologie Zürich ergründen.

Wissen

Schlüssel zu Geheimnissen

Einen Louvre oder ein Kolosseum gibt es in Zürich nicht. Dafür kann man hier archäologische Sehenswürdigkeiten auf eigene Faust erkunden. Die Schlüssel, die es für verschiedene Schauplätze wie etwa den Lindenhof-Keller und die Wasserkirche braucht, kann man am Schalter S (Sicherheit) im Stadthaus beziehen.

Stadthaus Zürich, Stadthausquai 17, 8001 Zürich, Montag bis Freitag, 8 – 18 Uhr, Samstag, 9 – 12.30 Uhr