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Farbmanufaktur

Am Stadtrand von Uster mischt Katrin Trautwein mit ihrem Team und Leidenschaft Farben, wie es seit den alten Meistern kaum mehr jemand macht. Das Resultat sind Räume, die besser – und schöner – kommunizieren. Wer es nicht glaubt, überzeugt sich am besten vor Ort: Das Unter­nehmen kt.COLOR bietet ­Führungen, Workshops, Events und Lehrgänge an.

Frau Trautwein, warum scheuen sich so viele Menschen, mit Farbe zu leben?

Sie scheuen sich nicht wirklich – wenn man bedenkt, dass Weiss die wichtigste Farbe ist und Grau die zweitwichtigste. So betrachtet, leben alle Menschen mit einem Farbkonzept. Warum so viele Menschen Angst vor dem Bunten haben, das wäre eine andere Frage.

Wie bitte?

Die Farbtheorien, die uns unser Farbwissen liefern, stimmen nicht mit dem überein, was Farbe für den Menschen bedeutet. Das verunsichert uns. Ein Beispiel: Viele Bücher über Farbpsychologie – von denen ich wenig bis gar nichts halte – wollen uns weismachen, dass Violett typisch für Psychopathen und Orange für selbstsüchtige Menschen ist. Dann traut sich kaum jemand zu sagen: «Ich hätte gerne eine orange Wand und eine burgunderrote Decke.» Viel lieber geht man auf Nummer sicher und streicht alles weiss.

In der Schule lernen wir, dass Rot, Blau und Gelb die Grundfarben sind. Stimmt das nicht?

Wir denken Farbe grundsätzlich falsch! Unsere Gesellschaft reduziert sie auf das, was messbar ist. Aber unsere Wahrnehmung ist viel differenzierter. Wenn wir einen Farbkreis malen und Komplementärfarben auswendig lernen, hat das wenig damit zu tun, wie wir die Welt visuell erfassen. Ich erkläre es mal so: Die meisten Leute sagen, «Blau» sei ihre Lieblingsfarbe. Wenn ich aber frage «Was ist dein Lieblingston?», sind die meisten Menschen ratlos. Ein Fis erfassen Sie nur in einer Tonfolge, mit Rhythmus und entsprechender Lautstärke – so wird es zur Musik. Genauso ist es mit den Farben. Wir müssen einen Farbton immer in der Beziehung zu einem Objekt und dem Kontext sehen. Stellen Sie sich das Rot an einem Feuerwehrauto, einer Rose, einem Fliegenpilz oder einer Lippe vor. Jedes Mal hat es eine andere Bedeutung. Farbe ist, wie die Materie zu uns spricht. So wird die Farbwahrnehmung zum wichtigsten Sinn. Denn wir erkennen über die Farben, womit wir es zu tun haben.

Das Farblabor. «Rügener Weiss», «Berner Sandstein», «Krontaubenblau» – schon die Namen erzählen Geschichten. Über 200 Farbtöne füllen das Sortiment. kt.COLOR setzt kompromisslos auf natürliche Materialien und verzichtet konsequent auf Nanochemie, PFAS und andere Schadstoffe. So entstehen Farbfeuerwerke, ohne Mensch und Umwelt zu belasten.

Sie arbeiten mit Naturpigmenten. Was macht diese so besonders?

Die Natur arbeitet und funktioniert nicht mit Monokulturen. Sie finden immer mehrere Farben in der Natur, ob auf einem Blatt, einem Granitstein oder im Schnee. Es ist eine Welt voller Sprenkel, die im Licht erstrahlen. Die künstlichen Pigmente hingegen entwickeln wir so, dass sie als maximal rein erscheinen. Diese monochromen Farben wirken viel disharmonischer auf unser Auge, letztlich künstlich, weil wir uns die Farben der Natur gewohnt sind. Wir tragen einen «inneren Regenbogen» in uns. 

«Innerer Regenbogen»? Das müssen Sie uns erklären.

Nehmen wir an, eine natürliche Farbe ist primär blau, aber schimmert auch ein bisschen grün, gelb, violett, orange und rot. Das bewirkt, dass sie über das ganze Lichtspektrum aktiv ist. Sie wirkt also viel lebendiger und zaubert andere Effekte an die Wand als eine künstliche Farbe. Es ist wie beispielsweise bei Brokkoli: Er ernährt uns umfassender als das Vitamin C aus der Tablette.

Wie finde ich die richtige Farbe für meine Räume?

Zuerst kommt es auf die Funktion des Raums an. Ein Schlafzimmer ist anders zu gestalten als ein Büro, ein Arbeitsraum, eine Küche oder ein Kinderspielzimmer. Beachten Sie dabei auch: Aus welchem Material besteht der Boden? Scheint mehrheitlich Tageslicht oder Kunstlicht? Dann suchen Sie sich eine Farbe für die grossen Flächen im Hintergrund aus. Sie soll nicht zu aufdringlich sein, denn die Wände dürfen den Inhalt nicht überstrahlen! Im zweiten Schritt ist zu überlegen, was im Raum wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen soll. Das können Sie dunkler streichen. Wenn ich hingegen möchte, dass man ein Objekt sogleich sieht, sollte ich es hell gestalten – oder eine starke Kontrastfarbe zum Hintergrund wählen. Im dritten Schritt gilt es, Farbakzente einzubringen. Suchen Sie eine Farbe, die Sie fantastisch finden, und platzieren Sie diese an Ihrer Lieblingsstelle.

«Weiss macht die Räume grösser», lautet eine viel ­zitierte Gestaltungsregel. Was halten Sie davon?

Reines Weiss macht Räume kleiner. Eine strahlend weisse Fläche erleben wir nicht als wohltuend. Sie reflektiert mehr Licht aufs Auge als jede andere. Das bedeutet, dass sie schneller und damit penetranter gesehen wird. Und je weisser und technischer das Pigment, desto aufdringlicher die Fläche. Streicht man die Decke sehr hell, fällt sie stärker auf, als wenn sie dunkel wäre – darum wirkt der Raum niedriger. Interessant ist es beispielsweise, mit Naturweiss- und Grautönen zu spielen. Unser Sehsinn verlangt nach Abwechslung, wie wir sie in einer natürlichen Landschaft finden. Eine graue Decke bleibt im Hintergrund und hilft, das wirklich Wichtige zur Geltung zu bringen.

Das Farbatelier. Wer Farben und Räume harmonisch komponieren will, braucht hochwertige Werkzeuge. Katrin Trautwein hat darum eigene Fachbücher, handgemalte Farbkarten und perfektionierte Designtools entwickelt. Sie führen ­stilsicher durch die Welt der Nuancen und machen die ­Farbwahl zu einem Erlebnis für die Sinne.

Welche weiteren Farbfehler beobachten Sie oft?

Es kann problematisch sein, wenn sich Leute in eine Farbe wie Blue Velvet verlieben. Wenn man zum Beispiel den Eingangsbereich mit dieser dunklen Farbe streicht, ist jede Strieme sichtbar. Egal, ob sie von einem Kinderwagen oder einem Schirm verursacht wurde. Ausserdem versuchen viele Leute, dunkle Räume mit gelben Farbtönen zum Leuchten zu bringen. Das funktioniert nicht. Man muss immer mit dem Schatten arbeiten und nicht versuchen, ihn wegzutarnen.

Wie verändert Farbe unsere Wahrnehmung?

Wir identifizieren die Dinge an ihren Farben, und wenn sie in der falschen Farbe daherkommen, haben wir Mühe, sie zu erkennen. Nehmen Sie die Feuerlöscher: Sie sind immer rot, weil diese Farbe sofort auffällt. Wären sie grün, würden wir sie schnell übersehen.

Was lässt sich bei Farben noch erforschen?

Oh, da stehen wir noch ganz am Anfang. Ich gehe davon aus, dass der Mensch nicht rot oder grün oder blau oder gelb sieht, sondern reflektiert: Wirkt etwas auf mich authentisch und echt? Wirkt es wertvoll? Gesund? Es kommt zur Interaktion zwischen meiner Wahrnehmung und dem Material in meinem Umfeld. Und ich glaube, dass wir in der Farbgestaltung, in der Architektur, eigentlich in jedem Belang, unsere Beziehung und gegenseitige Abhängigkeit zum Umfeld – in dem wir Gast und zugleich Akteur sind – überdenken müssen.

Gibt es eine Farbe, die Sie immer wieder überrascht?

Viele. Wir staunen immer wieder über die Lebendigkeit von Farben aus natürlichen Pigmenten. Oft schicken uns Leute Bilder, und wir staunen jedes Mal aufs Neue, wie der Raum eine atmosphärische Dichte bekommt, die mit künstlichen Materialien nicht möglich wäre.

Ihr Rat für alle, die sich an Farbe ­herantasten wollen?

Mehr Mut – und mehr Mut, nach innen zu horchen. Wir sind eigentlich alle Farbexperten und dürfen auf unsere Intuition hören. Wenn wir unsere Räume nach unserem Bauchgefühl gestalten und nicht nach Farbratgebern, kommen wir meist zu überzeugenden Lösungen. Das nennen wir «Augentrauen». Die Farben, das Konzept und die Dinge darin sollen dafür sorgen, dass unser Raum … unseren Namen flüstert. 

Die Farbforscherin. In Baden-Württemberg geboren, ist Katrin Trautwein in den USA aufgewachsen und hat an der ETH Zürich in Chemie promoviert. Wie sie zeigt, kann man daraus nicht nur Nützliches, sondern Schönes machen: Seit 1998 stellt sie mit kt.COLOR hochwertige Farben in Handarbeit her.

Handwerk

Farben, die flüstern

Bei Führungen durch den Betrieb kt.COLOR weihen Profis in die Geheimnisse der Farbherstellung ein und verraten, wie man Räume im besten Licht erscheinen lassen kann. Daneben veranstaltet die Manufaktur Events und bietet – oft kostenlos – Kurse an.

kt.COLOR, Aathalstrasse 74, 8610 Uster – ktcolor.com