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Hirnibräu

Mikrobrauereien und innovative Craft Beers liegen voll im Trend. Das kleine Hirnibräu in Zürich stemmt sich dagegen. 

Eine Bierbrauerei als Teil einer Wohnsiedlung? Das gibt es in Zürich tatsächlich, und zwar oberhalb des Bucheggplatzes in der Guggach 8. Hier wurde 2011 ein früheres Trafotürmchen für das Elektrotram der Elektrizitätswerke Zürich zur neuen Produktionsstätte für das Hirnibräu umgebaut. Wo früher die Hochspannung für das Tramnetz umgewandelt wurde, verwandelt seither Braumeister Andreas Aemmer Wasser, Malz und Hopfen in Lagerbier – auf zwei Stockwerken mit einer Grundfläche von sechs mal sechs Metern. 

Klein, fein, am feinsten

Dass die Brauerei ausgerechnet hier steht, hat einiges mit Zufall zu tun: 2010 erschien im «Tages-Anzeiger» ein Artikel, in dem das Hirnibräu-Bier unter elf getesteten Bieren aus dem Kanton Zürich als das Beste ausgezeichnet wurde. Erwähnt wurde auch, dass Aemmer, der damals noch in seiner Höngger Wohnung braute, auf der Suche nach einer neuen Produktionsstätte war. Dies erfuhr der Vorstand der Baugenossenschaft der Strassenbahner Zürich, welcher im Rahmen der Überbauung des Guggach-Areals eine sinnvolle Nutzung für den ehemaligen Trafoturm suchte. Die entsprechende Anfrage der Genossenschaft nennt Aemmer «einen Lottosechser» – nicht zuletzt, weil die Bierproduktion idealerweise in der Vertikalen erfolgt. 

Andreas Aemmer Bierbrauer. Sein Vater, ein Ingenieur, hätte Andreas Aemmer gern in seinen Fussstapfen gesehen. Doch schon im Naturwissenschaftlichen Gymnasium begeisterte sich der junge Andreas mehr für Hopfen und Malz als für Zahlen und Buchstaben. Nach einer Karriere in der Informatik opferte er dann im August 1997 seine Küche und sein Bad, um einen ersten Sud in Gang zu setzen – bis er ganz auf die Karte Bier setzte. Heute ist Aemmer lieber analog als digital unterwegs: Das Handy lässt er oft bewusst zu Hause liegen.

Kein Filter, keine Pasteurisierung

Heute steht im oberen Stock des Türmchens das Sudhaus, wo das Malzschrot mit weichem Stadtzürcher Wasser gemaischt und geläutert wird. Nach dem Würzekochen, wo der Hopfen dazukommt, fliesst die runtergekühlte Bierwürze in den Gärtank im Erdgeschoss. Hier wird die Hefe zugesetzt, welche den Zucker in Alkohol und Kohlensäure umwandelt. Es dauert mindestens hundert Tage bis zu einem halben Jahr, bis Gärung und Reifung die Biere weitgehend geklärt haben. Erst dann füllt man das Bier sorgfältig in Flaschen ab. Aemmer braut sein Bier nach dem zeit- und energieaufwendigen, kaum mehr gebräuchlichen Dekoktionsverfahren. Die lange Lagerzeit und der Verzicht auf Filtration und Pasteurisierung sowie die handwerkliche Produktion sind die wichtigsten Gründe für den vollmundigen Geschmack seiner Hirnibräu-Biere. 

Schaltzentrale des Brauens. Die Architekten, welche aus der Brauerei Hürlimann ein Trend-Thermalbad gemacht hatten, verwandelten einen alten Trafoturm für Andreas Aemmer in einen Brauturm.

Einziges Marketing: Rampenverkauf am Freitag

Ursprünglich war Aemmer technischer Informatiker. Am Anfang seiner Braulaufbahn stand ein geschenktes Hobbybrauset, mit dem er 1997 sein erstes Bier braute. Dieses schmeckte nicht nur gut, er bekam auch Spass an der Sache, und nach jahrelangem Tüfteln und Verfeinern gründete er 2005 Hirnibräu. Der Name bringt zum Ausdruck, dass es für die Produktion eines guten Biers nicht nur die Hand, sondern auch Hirn braucht und, so Aemmer, man dazu auch «ein ziemliches Hirni» – ein «Spinner» – sein muss. 

Mit einer aktuellen Produktion von rund 4’000 Litern jährlich ist Aemmer zwar ein Mikrobrauer, gehört aber nicht zur Fraktion der hippen Craft Brewers. Während diese mit ungewöhnlichen Zutaten sowie verschiedenen Bierstilen – unter anderem Sauerbieren, Fruchtbieren und anderen Ales sowie unzähligen IPA-Variationen – experimentieren und sich via Social Media und Events vermarkten, hat Aemmer nur ein Ziel: Er möchte bestes traditionelles Lagerbier produzieren, so wie es ihm selbst schmeckt. Die einzigen «Events» der Hirnibräu sind die freitäglichen Rampenverkäufe. 

Zwei- bis dreimal im Jahr setzen Aemmer und sein Pumpauf (Assistent) im Turmhäuschen einen Sud mit 15 Hektolitern an. Die beiden stehen dann jeweils 16 Stunden am Stück im Einsatz, und die körperlich anstrengende Arbeit fällt ihm zunehmend schwer. Nach beinahe dreissig Jahren Brauen und mittlerweile knapp im Pensionsalter, ist Aemmer deshalb auf der Suche nach einem Nachfolger. Diesem würde er seine Brauerei sogar kostenlos überlassen – unter der Bedingung, dass die Tradition weiterlebt: «Wer hier keine Lagerbiere brauen möchte, muss gar nicht erst anklopfen», gibt er gleich den Tarif durch. Vielleicht hilft der Zufall auch diesmal, und ein geeigneter Kandidat, eine Kandidatin, liest diese Zeilen?

Konzentrierte Kraft. Hopfenpellets enthalten ätherische Öle und Bitterstoffe in konzentrierter Form. Sie bringen Noten von Zitrus – und wirken leicht antibakteriell.

Rampenverkauf

Hirnibräu ist in 0,75-Liter-Bügelflaschen erhältlich und kann je-weils an Freitagen von 17 bis 20 Uhr direkt ab der Brauerei an der Käferholzstrasse 10 bezogen werden. Das Sortiment umfasst vier verschiedene Lagerbiere in den Standardsorten: ein sehr helles Dinkelbier, ein blondes Bier, ein leicht rauchiges, dunkelblondes Bier und ein klassisches, dunkles, ausgesprochen malziges Bier. Als fünfte Sorte gibt es auch noch ein wechselndes Bockbier (ein Starkbier mit mehr Alkohol) in einer 0,5-Liter-Flasche.

Zürcher Bierkultur. Die ältesten Indizien auf eine Brauereitätigkeit in Zürich gehen nicht auf die Römer zurück. Sie stammen erst aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Über Jahrhunderte galt der Gerstensaft als Luxus – und Wein als Alltagsgetränk.

Vielfältige Brauszene

Ein kleiner Querschnitt durch die vielfältige Brauereilandschaft des Kantons Zürich

sBier

Der Name ist Programm – hier wird «sBier» gebraut. Ausserdem kann man sich in die Braukunst einweihen lassen. Rampenverkauf an der Flüegassbrauerei im Zürcher Seefeld: sbier.ch

Bierwerk Züri

Biergarten und Brauerei an der Europaallee in Zürich, Rampenverkauf an der Hohlstrasse 418: bierwerkzueri.ch

Faberbräu

Innovative Brauerei mit Fokus auf klassische Sorten, Soodring 34e in Adliswil: faberbraeu.ch

MaRa Bräu

Verschiedene «Fiirabig-­Biere», mit viel Herzblut gebraut, Tierloch 1a in Rafz: marabraeu.ch

Schlossbraui Nürensdorf

Nebst den «Schlossquell»-Bieren wird hier auch das Wädenswiler Bier gebraut, Alte Winterthurerstrasse 46: schlossquell.ch

Brauerei Uster

Vielfältiges Biersortiment, auch Brauereibesuch möglich, Brauereistrasse 16: braukultur.ch

Weitere lokale Brauereien finden sich auf: ilovebeer.ch

Geist in der Flasche. Gut Ding will Weile haben: Ein langer Reifeprozess bei kühler Lagerung sorgt für einen runden Geschmack – Flaschengärung kommt beim hochwertigen Lagerbier nicht infrage.

Kulinarik

Mit Herz und Hirn gebraut

Freitags von 17 bis 20 Uhr gibts die 0,75-Liter-Bügelflaschen Hirnibräu direkt beim Trafotürmchen der Brauerei Hirnibräu an der Käferholzstrasse 10. Vier Lagerbiere stehen fest im Sortiment: helles Dinkelbier, blondes Bier, leicht rauchiges dunkelblondes Bier und klassisch malziges Dunkel. Dazu kommt wechselnd ein Bockbier (0,5 l) als saisonales Highlight.

Käferholzstrasse 10, 8057 Zürich – hirnibraeu.ch