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Hof Müselacher

Pferde ziehen Pflug und Heuwagen über die Felder. Die Szene stammt nicht aus einer Gotthelf-Verfilmung, sondern lässt sich bei Bauer Urs Altorfer zwischen Sulzbach und Bertschikon beobachten.

Der Stall ist ausgemistet. Die Pferde Golden, Eole, Kira, Lio und Lou sind gestriegelt und gebürstet. Zeit für Bauer Urs Altorfer, zu frühstücken und über seine Passion zu berichten: «Pferde sind grossartige Nutztiere, die für die Feldarbeit und für Transporte eingesetzt werden können. Es sind einfach schöne, edle und stolze Tiere!» 

Vom Spitzensportler zum Bauer

Der Fünfzigjährige führt den Hof Müselacher in Bertschikon in fünfter Generation. Der Tradition seiner Vorfahren, die 16 Hektaren Land mit den Pferden zu bestellen und Pferde zu züchten, ist er treu geblieben. 

Um den Hof zu übernehmen, gab Altorfer seine Stelle als Projektleiter in einem Architekturbüro und seinen Platz im Nationalkader der Orientierungsläufer auf. «Der Ehrgeiz, den ich in den Spitzensport steckte, ist heute mein Antrieb, den Hof unkonventionell zu führen», sagt er. Wirtschaftlich sei das kaum rentabel – ohne das Einkommen seiner Frau Franziska ginge es nicht. Doch für Altorfer zählen andere Werte mehr: Leidenschaft, Nachhaltigkeit und die Freude an der Arbeit mit Tieren.

Die natürliche Pferdestärke punkte auch ökologisch: Der Dieselverbrauch liegt bei nur einem Viertel eines vergleichbaren mechanisierten Betriebs.

Nachhaltiger – und effektiver

Immer wieder fragen ihn Neugierige, ob er sich mit seiner Landwirtschaft gegen den technischen Fortschritt wehren würde. Er winkt jeweils ab: «Darum geht es mir nicht. Moderne Maschinen sind faszinierend und ab und zu kommt auch auf unserem Hof ein Traktor zum Einsatz, entweder mit Lohnarbeitern oder vom Nachbarn zugemietet.»

Entscheidend sei für ihn die Nachhaltigkeit. «Schwere Landmaschinen
verdichten den Boden, nehmen ihm die Luft und damit den Mikroorganismen die Lebensgrundlage. Die wiederum sind wichtige Nährstofflieferanten für die Pflanzen. Zudem kann bei harten Böden das Regenwasser nicht versickern, und die Kapillarwirkung des Bodens ist beeinträchtigt», erklärt Urs Altorfer.

Fünf Kollegen mit Charakter

Heute geniessen die fünf «Arbeitskollegen», wie Altorfer sie liebevoll nennt, einen arbeitsfreien Tag. Noch stehen sie in ihren Boxen, doch am Nachmittag geht es raus auf die Weide. Wenn sie arbeiten, dann vor allem als Zugkraft – sei es beim Misten, beim Einholen von Heu und Gras und beim Ackern, Eggen, Säen und Walzen.

Das alles muss gelernt sein. Deshalb schickt Altorfer die Pferde im Alter von rund vier Jahren nach Bern ins nationale Pferdezentrum in die Ausbildung. Nach drei bis fünf Monaten sind sie einsatzfähig, je nachdem, wie lernwillig das Pferd ist. «Zurück auf dem Hof, braucht der Lehrling einen Coach. Deshalb spanne ich ihn zusammen mit einem erfahrenen Pferd vor den Wagen», erklärt Urs Altorfer.

Seine Arbeitspferde werden zwischen 25 und 30 Jahre alt. Ausser die Schimmelstute Taconet, sie brachte es auf 37 Jahre. Wenn die Pferde nicht mehr arbeitsfähig sind, bleiben sie bis zu ihrem Tod auf dem Hof. Muss sich Altorfer von einem Pferd verabschieden, fliessen meist Tränen.

Manche Autofahrer stoppen schnell am Strassenrand – um die fast schon romantischen Szenen in Bildern festzuhalten.

Staunende Schulkinder 

Freude hat Urs Altorfer hingegen an den Spaziergängern, die über das Pferdegespann auf dem Feld staunen und interessiert Fragen stellen. Seit einigen Jahren macht Altorfer beim Projekt «Schule auf dem Bauernhof» mit und begrüsst zwischen Sport- und Herbstferien durchschnittlich eine Klasse pro Woche. Kindergarten- und Unterstufenklassen sind vor allem am Tierprogramm interessiert, denn auf dem Müselacher leben nebst den 5 Pferden 12 Wasserbüffel, 24 Schafe, 120 Legehennen, Enten, Hunde und Katzen.

Die Kinder dürfen den Pferden altes Brot verfüttern, Hühner einfangen und in den Armen halten oder dabei sein, wenn die Büffel von einer Weide auf die andere wechseln. «Sobald die Wasserbüffel gestreichelt werden, machen sie ein Ringelschwänzchen. Das sorgt jeweils für viel Gelächter.»

150 Kilo schwer

Oft passt Urs Altorfer die Lerninhalte den Jahreszeiten an. Er kann aus dem Vollen schöpfen: Was auch immer möglich ist, produziert er selbst. Im Herbst geht die Reise vom Apfel am Baum bis zum selbst gepressten Most, im Frühling steht Ackerbau im Vordergrund. Da erleben die Kinder den Einsatz der Pferde hautnah und dürfen den 150 Kilo schweren Pflug halten – den die Pferde scheinbar mühelos über den Acker ziehen.

Handwerk

Mit Hufkraft auf dem Feld

Neugierig auf die Pferdestärken von Bauer Urs Altorfer? Die Stalltür steht offen. Und frische Hofprodukte warten auf Gourmets. Besondere Erlebnisse bieten sich Schulklassen.

Hof Müselacher, Familie Altorfer, Usterstrasse 41, 8614 Bertschikon – direktvomhof.ch