illustration

Kosmos aus Karten und alten Drucken

Handcrème gibt es nicht in ihrem Büro. Dafür wäscht sich Dr. Meda Diana Hotea täglich mehrmals die Hände. Aus gutem Grund: In der ETH-Bibliothek hält sie Bücher in den Händen, die ab dem 15. Jahrhundert gedruckt wurden. Heute kann man viele davon auch ohne Händewaschen bestaunen – am Bildschirm.

Frau Hotea, Sie sind verantwortlich für die Gruppe «Rara und Karten» der ETH-Bibliothek. Was steckt dahinter?

Mit der Gründung des damaligen Polytechnikums 1855 wurde gleichzeitig eine Bibliothek eröffnet. Der Haken daran: Das Polytechnikum ETH besass damals kein einziges Buch. Dennoch ernannte man den Astronomieprofessor Rudolf Wolf, der die Eidgenössische Sternwarte in Zürich gründete, zum Leiter der Bibliothek. Er begann, Bücher zu erwerben und legte damit den Grundstein der Bibliothek. Mittlerweile umfasst die ETH-Bibliothek acht Millionen Medien, davon gehören 75’000 Bände, Monografien und Zeitschriften zum Bereich «Rara». Das ist eine Sammlung von alten und seltenen Drucken aus der Zeit von der Mitte des 15. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Sammlung topografischer und thematischer Karten vom 16. bis 21. Jahrhundert enthält 400’000 Karten und 1’250 Atlanten und ist damit die grösste Kartensammlung der Schweiz.

Wie kommt eine technisch-naturwissenschaftliche Bibliothek zu alten, kostbaren Drucken?

Oft haben wir nach dem Tod von Professoren der ETH Zürich deren ganze Bibliothek vererbt bekommen. Rudolf Wolf, der leidenschaftliche Astronom und erste Bibliothekar, hat beispielsweise in seinem Testament festgelegt, dass sein ganzer Bücherbestand der ETH vermacht werden soll. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die ETH die bedeutendste Astronomietraktanden-Sammlung der Schweiz besitzt – mit Ausstrahlung in die ganze Welt hinaus.

Auch Privatpersonen ab 16 Jahren dürfen die «normale» ETH-Bibliothek benutzen. Wie steht es mit einem Einblick in die alten Bücher?

Seit 2010 digitalisieren wir ausgewählte Rara-Werke und seit 2013 den Kartenbestand. Man kann die Bücher und Karten aber auch physisch anschauen. Einmal im Jahr gibt es eine öffentliche Führung und eine Ausstellung unter einem bestimmten Thema. Im Oktober 2025 schauten wir uns unter dem Titel «Wenn die Technik Wunder wirkt» anhand ausgewählter alter Drucke an, wie frühe Prothesen aussahen und welche Instrumente und technische Hilfsmittel bei Krankheiten, Verletzungen oder Behinderungen eingesetzt wurden.

Faszination Sonnenblume: Flos Solis major. Aus: Basilius Besler: Hortus Eystettensis, S. 450. Nürnberg, 1613. Der Apotheker und Botaniker Basilius Besler (1561–1629) betreute den legendären Schlossgarten in Eichstätt, Bayern. In seinen Kupferstichen entführte er in die faszinierende Vielfalt der Pflanzen- und Blumenpracht. Sein Buch gilt bis heute als Kostbarkeit der botanischen Literatur.

Darf man alte Drucke privat ausleihen?

Bücher nicht, aber man kann ausgewählte Karten via swisscovery bestellen und nach Hause liefern lassen.

Da sollte man das Konfi- oder Weinglas wohl besser weit wegstellen, wenn man die Karte ausbreitet …

(Lacht.) So etwas ist uns bisher noch nie passiert. Alle ausgeliehenen Karten wurden heil zurückgegeben. Vielleicht, weil nach dem Ausbreiten der Karte kein Platz für ein Konfi- oder Weinglas übrig bleibt?

Worauf müssen Sie achten, um die alten Drucke und Karten zu lagern?

Wir halten uns an konservatorische Richtlinien und behandeln die Dokumente fachgerecht. Sie sind in klimatisierten Magazinen untergebracht, wo die Temperatur und Feuchtigkeit ständig kontrolliert sind. Diese Magazine sind alarmgesichert, der Zugang ist auf Fachpersonen eingeschränkt. Die aussergewöhnlich seltenen Exemplare bewahren wir in einem Tresorraum auf. Die Faltkarten sind in Archivschachteln gelagert, die Planokarten liegen in säurefreien Mappen in Kartenschränken. Alle Räume sind brandgeschützt.

Wie gehen Sie mit den Büchern um, wenn Sie sie in die Hand nehmen?

Viele meinen, dass wir sie nur mit Handschuhen anfassen. Das stimmt nicht. Tatsächlich wurde bei der Gestaltung alter Bücher häufig unterschiedliches Papier verwendet, das nicht immer gleich dick ist. Da braucht es zum Umblättern Fingerspitzengefühl. Dasselbe gilt für aufwendige, bewegliche Abbildungen und Tafeln, die im Buch gefaltet sind. Mit Handschuhen hätten wir kaum eine Chance, die zum Teil seidendünnen Seiten so umzublättern, dass sie nicht beschädigt werden. Bevor wir die Bücher anfassen, waschen wir uns aber gründlich die Hände und desinfizieren sie, damit wir keine Fettrückstände an den Fingern haben. Dann nehmen wir das Buch vorsichtig in die Hände, wenn man es überhaupt tragen kann.

Harmonischer Himmelsatlas. Situs terrae circulis coelestibus circundatae [Darstellung der Erde nach dem ptolemäischen Modell]. Aus: Andreas Cellarius: Harmonia macrocosmica, Taf. 11. Amsterdam 1708. Ein Werk mit prachtvollen Kupferstichen.

Warum sollte man es nicht tragen können?

Ganz einfach: Unser schwerstes Buch ist das Werk Hortus Eystettensis, es wiegt 14 Kilo. Da kriege ich Rückenschmerzen (lacht)! Wir legen die Bücher auf Keilkissen, die mit Polystyrolkügelchen gefüllt sind, damit das Buch bequem liegt. Sind die Bücher im Falz eng gebunden und bleiben die Seiten nicht offen, drücken wir die Seiten nicht mit der Hand nach unten, wie wir es mit einem Schulbuch oder einem Roman machen würden, sondern befestigen die Seiten mit Bleischnüren.

Sie strahlen, wenn Sie von den Büchern erzählen. Was fasziniert Sie so?

Jedes Buch ist ein Universum und erzählt seine ganz eigene Geschichte. Es geht dabei nicht nur um die wissenschaftlichen Inhalte. Die sind wichtig, denn ohne diese Werke wären wir in der Wissenschaft nie da, wo wir heute sind. Aber ich finde vor allem die Geschichte hinter dem Buch faszinierend.

Wie hört sich eine solche Geschichte an?

Als die Bücher gedruckt wurden, hatten die meisten noch keinen Einband. Die einzelnen Seiten wurden einfach zu einem Buchblock zusammengebunden. Je nachdem, wer das Buch gekauft hat, hat er es einbinden lassen. Allein dieser Einband erzählt eine Geschichte. Welches Leder wurde benutzt? Wie viel Sorgfalt wurde aufgewendet? Sind die Buchdeckel mit Zierelementen geschmückt? Daraus lässt sich einiges schliessen. Zudem sind diese Bücher viel gereist, denn selten hat ein Buch nur einer Person gehört. 

Und woher wissen Sie das?

Die Vorbesitzer haben sich mit einem Exlibris auf ihren Büchern verewigt und teilweise auch das Kaufdatum und den Preis vermerkt. Oft hinterliessen die Leser dieser Werke Lektürenotizen am Seitenrand. Auch auf Karten geben Kürzel oder Namen Aufschluss darüber, in welchen Händen sie waren.

Haben Sie ein Lieblingsstück?

(Lacht.) Es ist ähnlich wie mit den Menschen: Einige mag man lieber als andere. Deshalb gibt es tatsächlich Bücher, die ich besonders gerne habe. Auch wenn ich weiss, welche Bücher zu unserem Bestand gehören, konnte ich bisher längst nicht alle durchblättern. Bereite ich eine Führung oder eine Ausstellung vor, bekomme ich oft «neue» Bücher in die Hände, die mich unglaublich faszinieren. Und schon habe ich ein weiteres Lieblingsstück.

Karten und alte Drucke sind heute auch online verfügbar. Tut es Ihnen weh, dass diese Prachtstücke auf dem Computer «erlebbar» sind?

Ich gehöre nicht zu jenen, die darüber klagen, weil der Lesesaal nur noch halb so voll ist wie vor der Digitalisierungsoffensive. Im Gegenteil: Es ist doch wunderbar, dass heute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und die interessierte Öffentlichkeit vieles auf www.e-rara.ch gratis herunterladen und anschauen können.

Haben Sie eine Empfehlung?

Oh, da gibt es viele. Aber warum nicht unser gewichtigstes Buch, den 14 Kilo schweren Hortus Eystettensis, online anschauen, ohne Rückenschmerzen zu bekommen? Oder das Astronomicum Caesareum? Die Kupferstiche und Volvellen, das sind Informations- oder Recheninstrumente aus Papier, sind fantastisch, und mit OCR, der optischen Zeichenerkennung, können sogar die Texte lesbar gemacht werden. Ich empfehle vor allem, den Büchern mit Neugier zu begegnen und sich über die Vielfalt der neuen Welten, die sie uns eröffnen, zu freuen.

Dr. Meda Diana Hotea leitet die Gruppe «Rara und Karten» der ETH-­Bibliothek. Zudem ist sie für die Gesamtkoordination der Plattform e-rara zuständig und koordiniert seit 2022 die Aktivitäten des Netzwerks Karten (Bibliosuisse).

Zürich zur Gletscherzeit. Illustriert von Buri und Jecker.Aus: Oswald Heer: Die ­Urwelt der Schweiz, S. 595. Zürich 1865. Eine Reise in die geologische Vergangenheit.

Wissen

Zwischen Buchdeckeln und Karten

Privatpersonen ab 16 Jahren dürfen die «normale» ETH-Bibliothek benutzen und können teilweise alte Bücher und Karten physisch anschauen. Darüber hinaus digitalisiert die Bibliothek ausgewählte Rara-Werke seit 2010 und seit 2013 den Kartenbestand. Einmal im Jahr gibt es eine öffentliche Führung und eine Ausstellung zu einem bestimmten Thema. 

Rara und Karten, Lesesaal Sammlungen und Archive, ETH-Bibliothek, HG H 26, ETH Zürich Hauptgebäude, Rämistrasse 101, 8092 Zürich – library.ethz.ch