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Megalithe im Säuliamt

Selbst viele «Einheimische» wissen nichts mehr davon. Doch oft von Unterholz überwuchert, befinden sich im Säuliamt Dutzende Steinsetzungen. Waren es Grabstätten oder steinerne Hilfsmittel einer vergessenen Kultur, die den Himmel besser kannte als wir? 

Es ist ein bisschen wie beim Perlentauchen. Man braucht Ausdauer und das richtige Gespür, wo man suchen muss. Doch mit etwas Glück findet man auch im Kanton Zürich mutmasslich frühzeitliche Steinsetzungen. Richard Walker, pensionierter Bauingenieur, Amateurastronom, Hobbytaucher und Experte für Megalithik, hat sie in akribischer Arbeit aufgespürt, kartiert und erforscht. Daraus ist eine Dokumentation entstanden, in der Walker viele von ihm wiederentdeckte Steinobjekte detailreich beschreibt.

Zufall oder Masterplan?

Das Säuliamt – wie man das Knonauer Amt respektive den Bezirk Affoltern a. A. im Volksmund nennt – ist ein Hotspot für frühzeitliche Steinsetzungen. In der breiten Bevölkerung sind die steinernen Überbleibsel vergangener Zeit dennoch kaum bekannt. Auf der Suche nach diesen im leider zunehmenden Unterholz der Wälder teils schwer auffindbaren, vergessenen Schauplätzen nimmt man am besten das Fachbuch «Megalithe im Knonauer Amt» von Richard Walker zu Hand. Denn für uns Laien scheinen viele Steine nur zufällig herumzuliegen. Das geübte Auge erkennt aber den Unterschied zu bewusst gesetzten Steinen.

Die meisten Megalithe, wie die gesetzten Steine in der Fachsprache heissen, wurden nach neuster Erkenntnis vermutlich bewusst als Grabstätte erbaut. Einige Steinsetzungen zeigen sogar klar auf ein sogenanntes Azimut. Das bedeutet: Sie verweisen auf eine Kompassrichtung oder eine astronomisch relevante Himmelsrichtung wie den Auf- und Untergang der Sonne oder des Mondes während der Sonnen- oder Mondwenden.

Astronomischer Kalender aus Stein

Viele Steine im Knonauer Amt sind, wenn überhaupt, nur grob bearbeitet und stehen auf flacher Ebene oder etwas erhöht, aber selten prominent auf einer Kuppe oder im freien Feld. Falls sie einmal dort standen, wurden sie vermutlich als ärgerliches Hindernis weggeräumt. Die meisten befinden sich heute an einem zugänglichen Ort im Wald. Früher war es dort vermutlich kahl, da Siedler die Bäume als begehrten Rohstoff brauchten. Für astronomische Beobachtungen war der unverstellte Blick auf den Himmel jedenfalls wichtig. Nebst astronomischen und landwirtschaftlichen sind aber auch terrestrische Ausrichtungen im Knonauer Amt feststellbar – zum Beispiel auf die Kirche in Mettmenstetten, wo vermutlich einst ein zentraler Kultplatz existierte.

Viele Ideen, wenig Indizien

Die Hypothesen über den Zeitraum und den Grund der Errichtung dieser Anlagen sind so vielseitig wie die Formensprache der rätselhaften Steine. Pragmatiker wollen sie als Störobjekt identifiziert haben, welche die Bauern wegräumten. Oder sie nutzten die Findlinge als Einzäunung für das Vieh und zur Verteidigung feindlicher Eindringlinge.

Eine andere These berichtet davon, dass sie 1798 womöglich während der Besatzung französischer Truppen entstanden, welche die Einwohner mit Zwangsarbeit gepeinigt haben sollen. Ein ehemaliger aargauischer Kantonsarchäologe wiederum datierte sie in die La-Tène-Zeit (Jüngere Eisenzeit ca. 450 – 15 v. Chr.), da eine Steinsetzung im benachbarten Reussegg bereits um 1416 urkundlich erwähnt wird.

Die Gemeinde Mettmenstetten dokumentiert in einem Inventar archäologischer Stätten, dass die Steinsetzungen mutmasslich auf das Ende der Jungsteinzeit (4 500 – 2 700 v. Chr.) zurückgehen.

Alles nur eine Grenzmarkierung?

Richard Walker betont aber, dass die meisten Interpretationen sich nur auf einzelne Standorte beziehen und die Komplexität und die hohe Anzahl der Anlagen nicht miteinbeziehen. Auch die Theorie der Grenzmarkierung scheint ihm wenig überzeugend, da Steinkreise, Schalen- und Wackelsteine oder dolmenähnliche Objekte dafür ungeeignet wären. Viel plausibler ist es, dass die heutigen Grenzen erst dort gezogen wurden, wo sich bereits die markanten, teils auf einer Linie verlaufenden Steine befanden. «Nicht zuletzt ist die häufige Nachbarschaft prähistorisch belegter Grabhügel auffallend sowie manchmal die Ausrichtung auf ein bestimmtes, astronomisch relevantes Azimut», so Walker.

Eine verlorene Dimension 

Manchmal malen wir uns frühere Völker «primitiv» aus. Doch sie verfügten oft über ein Wissen und Verständnis zu den Gegebenheiten natürlicher Abläufe in unserem Platz im Universum, wie wir es uns kaum vorstellen können. Der heutige Mensch ist selbst an abgelegensten Orten noch durch die mediale Globalisierung ständig abgelenkt. Wir können tagsüber und bei bewölktem Himmel kaum noch – ohne aufs Handy zu gucken – sagen, ob unser Mond ab- oder zunehmend ist, geschweige denn grössere planetare und stellare Zyklen voraussagen. Die Zeit zum Beobachten fehlt uns. Und die Nacht, die früher besonders im Winter nicht enden wollte, ist durch unser Kunstlicht längst zum Tag geworden.

Vor der Industrialisierung schauten dagegen ganze Generationen allnächtlich in den Himmel und liessen sich die Bahnen unserer benachbarten Himmelskörper und Sterne erklären, um die wir uns drehen. Egal, ob man sich die Sterne als weit entfernte glühende Gasbälle, als Götter oder Löcher in einer dunklen Decke oder als Kristallsphäre vorstellte: Die Bewegungen dieser Beobachtungen waren irgendwann nachvollziehbar und berechenbar. Und das war entscheidend, denn wer die kosmischen Abläufe kannte, verstand auch die Wechselwirkung und den damit verbundenen jahreszeitlichen Wandel auf Erden, was für das Überleben auf unserem Planeten einen entscheidenden Vorteil brachte.

Himmel auf Erden

Um den Himmel auf die Erde zu holen und Fixpunkte zu markieren, bediente man sich Steinen, die langlebig und teils unverrückbar bis heute überdauert haben. Wie alt diese Steinsetzungen genau sind, kann kaum jemand mit Sicherheit sagen, und sie werden wohl auch in Zukunft Rätsel aufgeben – und Raum für Spekulationen bieten. Wie wärs, sich selbst ein Bild zu machen und die Steinperlen des Säuliamts mit dem nötigen Respekt aufzuspüren? 

Buchtipp: Richard Walker (2022): Megalithe im Knonauer Amt. Eigenverlag, Merenschwand. Erhältlich bei Bücher Scheidegger in Affoltern a. A.

Schöne Schwergewichte. 110 Meter langes, L-förmiges Alignement aus bis zu fünf Tonnen schweren Sandsteinblöcken in der Waldflur Grüthau bei Mettmenstetten (oben). Koord.: 2’677’550/1’235’170. Die in den vier Haupthimmelsrichtungen angelegte L-förmige Megalithreihe auf dem Homberg in Rifferswil (unten) ist mittlerweile im Unterholz verschwunden. Koord.: 2’679’320/1’233’920

Von Alignement bis Zeichenstein

Alignement
Eine Steinreihe, die in Einzelfällen auch gezielt auf eine relevante Himmelsrichtung ausgerichtet wurde.

Azimut
Eine Kompassrichtung, die z. B. auf ein astronomisches Ereignis peilt, d. h. meistens Auf- oder Untergangspunkte von Sonne oder Mond am lokalen Ortshorizont.

Cromlech
Eine Form von Steinsetzung, meist kreisförmig, die einen Platz umgibt.

Dolmen
Grabstätte, mit waagrechtem Deckstein, der meist auf kleineren, vertikalen Steinen liegt.

Lochstein
Vertikal stehender, meist abgeflachter Stein mit waagrecht durchziehendem Loch.

Megalith
Griechisch «Megalithos» bedeutet «grosser Stein», welcher oft unbehauen und gezielt platziert wurde.

Menhir
Ein meist grosser, häufig «hinkelsteinförmig» und meistens aufrecht platzierter Stein.

Schalenstein
Stein mit einer oder mehreren rundlich bearbeiteten Vertiefungen.

Sonnen- und Mondwenden
Extremale, d. h. südlichste oder nördlichste Auf- oder Untergangspunkte dieser Gestirne am lokalen Ortshorizont.

Stele
Eine sehr flache, grabsteinartig aufgestellte, meistens unbearbeitete Steinplatte.

Tumulus
Ein runder Grabhügel, der meistens aus Schüttmaterial besteht und in Einzelfällen auch mit einer Steinlage bedeckt sein kann.

Wackel- oder Gnappstein
Ein grosser Stein, der leicht beweglich auf einer festen Unterlage balanciert.

Zeichenstein
Stein mit künstlich eingekerbten Spuren, meist vereinfachten Zeichen.

Erlebnis

Rätselhafte Zeugen aus Stein

Versteckt im Unterholz liegen im Säuliamt viele uralte Steinsetzungen, die selbst Einheimische kaum kennen.

Wer sie aufspüren will, braucht Abenteuergeist, Geduld und beschafft sich am besten das Buch von Richard Walker (2022): Megalithe im Knonauer Amt, erhältlich bei Bücher Scheidegger in Affoltern a. A.