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Sammlungszentrum

Was verbirgt sich hinter der geheimnis­vollen Stahlfestung in Affoltern am ­Albis? Das Sammlungszentrum des Schweizerischen ­Landesmuseums. Hier lagern 870’000 Objekte, die unsere Kulturgeschichte prägen.

Das Depot des Schweizerischen Landesmuseums tarnt sich gut. Hinter der grossen Recyclinganlage liegt es leicht vertieft im Gelände. Ein Stacheldraht führt um die Fassade aus unbehandelten Stahlplatten. Darauf zeichnet sich die Witterung seit der Eröffnung 2007 ab. So passiert man zwischen Rostblumen die Schwelle zum Innenhof der «Festung». 

Eine diskrete Metalltür führt in die menschenleere, aber videoüberwachte weisse Eingangshalle. Weiter gelangt man nur mit Termin: Als Verantwortliche des Pariser Louvre beispielsweise, als Forschende – oder einfach als Interessierte, die eine Führung gebucht haben. Genau so, wie wir es machen. 

Im Hochsicherheitstrakt

Eine Tür öffnet sich. Geschäftsführer Roman Aebersold erscheint in Schwarz. Das Depot sei eigentlich ein Hochsicherheitstrakt, sagt er. Hier lagern 870’000 mobile Kulturgüter aus der Geschichte der Schweiz. Jährlich werden 500 Exponate an nationale und internationale Ausstellungsorte ausgeliehen. Vor Ort gibt es Labors für Konservierungsforschung und Materialanalytik sowie Ateliers von Konservatoren und Restauratoren. 

Roman Aebersold führt durch lange Gänge zur begehbaren Tresorhalle. Die Objekte der Begierde: Schätze aus Edelmetallen. Der Depotverantwortliche öffnet mit dem Schlüssel einen Schrank, der den Blick auf die «Goldschale von Altstetten» freigibt – respektive auf eine kunstvolle Kopie davon.

Gegen Motten und Käfer. Das Sammlungszentrum betreibt eine Stickstoffanlage. Damit Schädlinge nicht Kulturgut zerfressen, wird dieses mit Stickstoff behandelt.

Goldgefäss der Bronzezeit

Das Original ist im Landesmuseum Zürich ausgestellt. Mit 910 Gramm gilt es als schwerstes Goldgefäss der Bronzezeit in Europa. 1906 fanden es Arbeiter bei Gleisarbeiten in Zürich-Altstetten. Wenn die Schale zu Ausstellungen bestellt wird, rückt ihr Double ins Landesmuseum nach. Eine luftgefederte Transportkiste mit entsprechendem Volumen steht bereit.

Daneben fällt ein bizarr geformtes Gestein auf – der «spektakuläre» Potinklumpen aus keltischer Zeit. Er besteht aus geschmolzenen Münzen. Er kam 1890 unter der früheren Börse an der Bahnhofstrasse 1 ans Licht.

Schmuckstücke ausleihen? Das Leihwesen ist die Drehscheibe des Nationalmuseums. Es organisiert alles, damit man seine Schätze auch anderswo bestaunen kann.

Kostbare Ringsammlung

Begehrt ist auch die Ringsammlung von Alice und Louis Koch. Das jüdische Juwelierpaar aus Frankfurt fand 1933 in Basel eine neue Heimat. Aus Dankbarkeit schenkte es der Eidgenossenschaft eine wertvolle Sammlung: 2’500 Ringe von der Antike bis in die Gegenwart, von den Nachkommen ergänzt. Lücken im roten Samt der Vitrinen verweisen aufs Landesmuseum in Zürich, wo 300 Ringe in einem Kreis ausgestellt sind. Darunter eine Schlange, die eine Frau mit Perle umschlingt. Für den Designer René Lalique symbolisiert sie einen Apfel. Die Künstlerin Meret Oppenheim ist mit «Zuckerwürfel als Edelstein» präsent, der Designer Kurt Neukomm mit einer exotischen Schönheit aus Südseeperle, Aquamarin und Weissgold. 

In Affoltern inspiriert Hans Stofers «Potential Diamond» aus einem Brocken Kohle auf Stahl. Der Solothurner arbeitete lange als Professor am Royal College in London. Bernhard Schobinger ist mit einem «Blitzableiter»-Ring aus Puddeleisen vertreten. Einen materialisierten Kommentar auf die Finanzkrise 2007 zeigt Johanna Dahm mit «Wilhelm Tell’s Shot» – ein mit einem Maschinengewehr durchschossener Goldbarren. Schätze wollen entdeckt werden. In einer Flachschublade, beschriftet mit «Apotheker-Riggenbach/Günter Wyss», sind geometrische Arm- und Halsgeschmeide in Gold aus der Bauhauszeit ausgelegt. Unweit davon eröffnet sich eine andere Ästhetik: Hunderte von Broschen. Doch auch der filigrane Trachtenschmuck aus Silber darf nur mit den Augen angefasst werden.

Haus der Ringe. Im Landesmuseum finden sich über 2’500 Fingerringe – vom alten Ägypten über das Mittelalter und die Neuzeit bis in die Gegenwart.

Gorilla aus der «Zukunft»

Vor der «Sondersammlung» blickt einem der bekannte Gorilla aus dem kürzlich geschlossenen «Club Zukunft» in Zürich entgegen. Die Credit Suisse ist mit einer meterlangen Leuchtschrift vertreten. Das Fotoarchiv von Actualités Suisses Lausanne ASL muss noch aufgearbeitet werden. Bei den Gemälden zieht Roman Aebersold mit Handschuhen an einem Auszugsschrank. Eine überlebensgross porträtierte Dame mit viel Perlenschmuck erscheint: «Alexandrine Bonaparte geb. de Bleschampf» von 1815. 

Das ideale Raumklima: zwanzig Grad bei fünfzig Prozent Luftfeuchtigkeit und wenig Licht. Weisse Lampen, die wie Designobjekte aussehen, locken fliegende Schädlinge an. Am Boden sind beidseits von Türen schlichte Fallen für kriechende Schädlinge aufgestellt. 

Über Zonen, die nach Holzmöbeln und Kirche riechen, gelangen wir zu Kutschen. Aebersold drückt an einem Knopf. Ein Rollladen fährt hoch: Ein Heer von Hellebarden blitzt entgegen. «Vorsicht Waffenspitzen!» prangt auf dem Absperrband. Die Schweiz ist auch als Ort der textilen Hochblüte dokumentiert. Von Stoffhändler Abraham sind Musterbücher für die Haute Couture in Paris aufbewahrt. Die hochwertigen Seidenstoffe haben die Zürcher Seidenindustrie überlebt: Ihre Farben leuchten wie zu Hochzeiten!

Tipp: Das Depot des Landesmuseums macht jeden Monat eine thematische Führung. Auf Wunsch können auch Spezialführungen gebucht werden. www.sammlungszentrum.ch

Für die Nachwelt. Wie lassen sich Holz, Textil, Bast und Geweih erhalten? Die Spezialisten im Labor zur Konservierung kümmern sich um jedes Objekt.

Wissen

Schätze in Affoltern a.A.

Im Sammlungszentrum des Schweizerischen Nationalmuseums machen 870’000 Objekte unsere Kulturgeschichte lebendig. Jeden Monat gibt es spannende thematische Führungen, auf Wunsch sind auch Spezialtouren möglich.

Schweizerisches Nationalmuseum, Sammlungszentrum, Lindenmoosstrasse 1, 8910 Affoltern a. A. – sammlungszentrum.ch