
Seeuferwanderung Horgen-Halbinsel Au
Versunkener Bahnhof, altes Bergwerk, Schloss, Höhlen, Restaurants und Weinmuseum: Von Horgen bis zur Halbinsel Au reiht sich eine kulturelle Perle an die nächste. Wer hier wandert, kann in vergangene Zeiten abtauchen – und sich an den Genüssen der Gegenwart erfreuen.

Im Anschluss an die Gartenbauausstellung 1959 in Zürich entwarf der Gartenarchitekt Willi Neukom (1917 – 1983) am Zürichhorn einen Seeuferweg, der die Landschaftsarchitektur der Schweiz sichtbar beeinflusste. Statt weiterhin der klassisch angehobenen Promenade des 19. Jahrhunderts zu frönen, durchbrach er die Ufermauern und gestattete den Menschen einen unmittelbaren Kontakt zum Wasser, sodass sie beim Spazieren sogar nasse Füsse bekommen konnten. Hier entstand der Traum eines Uferwegs rund um den Zürichsee – doch er hat sich bisher nur teilweise erfüllt. Als die SBB 1988 das Bahntrassee mit den Stützmauern zwischen dem Seebahnhof Horgen und der Station Au erneuerten, baute man seeseitig der Bahn eine Fussgängerverbindung zwischen den beiden Bahnhöfen. Der neue Wanderweg – auf dem auch Radfahren gestattet ist – verwirklicht die Idee des unmittelbaren Zugangs zu Natur und Nass. Und er verbindet bedeutende Stätten der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Region.
Museum Sust, Horgen
Unsere Wanderung beginnt im versteckten Ortskern von Horgen mit der Sust, die auf dem Delta des leider eingedolten Dorfbachs steht. Horgen galt als die Seidenmetropole des 19. Jahrhunderts und wurde auch «Klein Lyon» genannt. Die Gemeinde bildete einen wichtigen Marktflecken an der Gotthardroute. Um 1515 erstellte die Stadt Zürich die Sust: ein Lager- und Zollhaus mit Hafen. Hier wurden die Waren vom Rücken der Saumtiere aufs Schiff oder umgekehrt umgeladen. Der Weg ging von der Sust als heutige Zugerstrasse über 700 Meter hinauf zum Weiler Hirzel Höhe und dann hinunter zur «Babenwaag», besser bekannt als «Sihlbrugg». Über eine Furt konnte man hier die Sihl überqueren. Eine Brücke wird erstmals 1385 erwähnt. Danach wurde sie mehrfach von Zürich und Zug ersetzt, insbesondere nach ihrer Zerstörung im Sonderbundskrieg 1847. Die 1850 fertiggestellte gedeckte Holzbrücke musste 1960 drei Kilometer flussaufwärts verschoben werden, um einer Betonbrücke Platz zu machen. 1803 übergab die Stadt Zürich die Sust Horgen und ihre Hafeneinrichtungen an den Kanton. Mit der Abschaffung der Binnenzölle 1835 ging die Sust vom Kanton an die Gemeinde Horgen. Der Hafen diente vor allem dem lokalen Gewerbe. Seit 1957 beherbergt die Sust ein Ortsmuseum.
Katastrophenbucht: versunkener Bahnhof
Von der Sust folgt der Uferweg einer Bucht zum verschwundenen Bahnhof der Schweizerischen Nordostbahn NOB. Am 20. September 1875 verkehrten erstmals Züge nach Fahrplan zwischen Zürich und Glarus, nachdem bereits zwei Tage zuvor die feierliche Einweihung der neuen Eisenbahnlinie stattgefunden hatte. Schon zwei Tage später, am Morgen des 22. September 1875, öffneten sich auf den Bahnsteigen verdächtige Risse. Kaum eine halbe Stunde nach der Evakuierung des Bahnhofs rutschten die Gleise auf einer Länge von 200 Metern mit lautem Krachen in den See ab. Während der nächsten zwei Tage fanden erhebliche Nachrutschungen statt. Der Untergrund aus ehemaligem Seeboden mit schwachen Schlammschichten vermochte die Last der von der NOB für den Bahnhofsbau veranlassten Seeaufschüttungen nicht mehr zu tragen. Anders als das Toilettenhäuschen blieben das Stationsgebäude und der Güterschuppen noch über Wasser, wurden aber durch die Bodensenkungen am Rand des Trichters abbruchreif beschädigt. Später rutschte auch die Spitze der Susthalbinsel in den See. Nach dem Verlust des Bahnhofs am alten Standort südlich der Sust wurde dem See auf der Nordseite nochmals Land durch Aufschüttung abgewonnen. Doch auch dieses Gelände glitt im Jahr 1883 zum Teil in den See ab und riss die seit dem 16. Jahrhundert bestehende Hafenmauer mit. Nur dank Pfählungen des Untergrunds mit neuartigen Dampframmen konnte 1886 der neue Bahnhof Horgen an der heutigen Stelle erbaut werden.
Fähre und Tauchgänge
Die in Horgen beheimatete Tiefseetauchergruppe 7oceans erkundet die beiden Schuttkegel vor Horgen, die nach den beiden Rutschungen von 1875 und 1883 entstanden und bis zur maximalen Seetiefe von rund 140 Metern hinunterreichen. Sie treffen sowohl auf 60 Meter seeeinwärts verschobene Pfahlreihen des Hafens als auch auf versunkene Eisenbahnschienen südlich der Sust. Am Ende des Rutschungsgebiets liegt die Anlegestelle der Fähre Horgen – Meilen. Das erste Fährschiff «Schwan» verband die beiden Ufer ab dem Jahr 1933.
Bergwerk Käpfnach
Blickfang auf dem weiteren Weg sind die beiden massiven Kamine der 1875 errichteten Zementfabrik, die heute den Yacht Club Horgen beherbergt. In den Öfen wurde Kalkmergel aus dem ehemaligen Bergwerk Horgen gebrannt. Dieser Kalkmergel musste ebenfalls abgetragen werden, um zum etwa 45 Zentimeter mächtigen Kohlenflöz zu gelangen. Die Fabrik war direkt mit der Stollenbahn verbunden.
Die Kohlenvorkommen in Horgen entstanden vor 16,5 Millionen Jahren aus einem verlandeten See in der Oberen Süsswassermolasse. Bereits im 16. Jahrhundert beschrieb der Chronist Johannes Stumpf diese Vorkommen. Gelegentlich wurden sie von den Käpfnacher Ziegeleibesitzern Landis ausgebeutet. Von 1784 bis 1910 betrieb der Kanton Zürich das Bergwerk in Eigenregie. Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurde der Abbau von Molassekohle durch den Bergbauingenieur Max Zschokke reaktiviert. Nach dem Zweiten Weltkrieg legte der Kanton Zürich das Bergwerk aus wirtschaftlichen Gründen vollständig still und liess alle Infrastrukturen zurückbauen.
Käpfnacher Tobel
1981 übergab der Kanton Zürich die dem Zerfall preisgegebene Kohlengrube an die Gemeinde Horgen mit der Auflage, sie so weit wie möglich der Öffentlichkeit als Industriedenkmal zugänglich zu machen. Heute kümmert sich der Bergwerksverein Horgen im Auftrag der Gemeinde um die vergessenen Stollen. Gleichzeitig richtete er im ehemaligen Kohlenschuppen ein kleines Museum ein. Es gelang dem Verein, eine ausrangierte Stollenbahn zu erwerben und eine Gleisstrecke von 1’500 Metern als unterirdische Museumsbahn zu betreiben. Halt macht die Bahn vor den ehemaligen Arbeitsstätten der Kumpel, die auf dem Bauch liegend die wertvolle Kohle mit Grubenhämmern abtrugen. Regelmässig finden öffentliche Stollenfahrten statt. Freiwillige Stollenführerinnen und -führer sind auf Anfrage für Gruppen und Schulen tätig.
Ein Spaziergang durch den vom Bergwerk geprägten Weiler Käpfnach ist lohnenswert. Im Aabachtobel mit seinem attraktiven Wasserfall sind weitere ehemalige Stolleneingänge beschildert.
Gut Naglikon
Die Seestrecke von Käpfnach zur Halbinsel Au ist von Schilfgürteln und kleinen Stränden geprägt. Das Sportbad Käpfnach mit seinem im See schwimmenden Fünfzig-Meter-Becken sowie die Badewiese Au-Naglikon laden zum Verweilen ein. Dazwischen kann man sich im seit 1874 bestehenden Gasthof Meilibach stärken.
Im Gebiet der Seebucht vor der Halbinsel lag die hochmittelalterliche Siedlung Naglikon. Als Herkunftsname einer Person ist der Ort erstmals im Jahr 1130 erwähnt.
Schloss Au
Weitere Perlen bietet die Halbinsel Au. In der Unteren Au erwarb General Hans Rudolf Werdmüller (1614 – 1677) ein Gut, um darauf ein barockes Schloss mit Parkanlage zu errichten. Während des Dreissigjährigen Kriegs stand Werdmüller in schwedischem, französischem und venezianischem Dienst. Unter anderem in der Ägäis fiel er wegen seines harten Vorgehens auf. Im Ersten Villmerger Krieg 1656 befehligte er die Zürcher Truppen gegen die katholischen Orte der Eidgenossenschaft. Für die Niederlage der Reformierten bekam er die Schuld zugeschoben und wurde nach einem Prozess 1659 sogar aus dem Zürcher Rat ausgeschlossen. Dies veranlasste ihn, in französischen und österreichischen Dienst zu treten, wozu er zum katholischen Glauben konvertieren musste. Der Dichter Conrad Ferdinand Meyer schuf ihm in der Novelle «Der Schuss von der Kanzel» ein literarisches Denkmal, das jedoch wenig mit dem bewegten Leben Werdmüllers gemein hat.
Nach Werdmüllers Tod im Schwarzwald änderte das Schloss Au mehrmals die Hand. 1917 liess die Besitzerfamilie das Gebäude bis auf die Werdmüllertrotte von 1720 abbrechen. Dafür errichtete sie eine Art barockes Jagdschloss nach den Plänen des Architekten Johann Albert Freytag. 1989 gelangte das Schloss in den Besitz des Kantons Zürich. Die Gebäude dienen der Pädagogischen Hochschule, der Park ist öffentlich zugänglich. Schon 1973 hatte der Kanton Zürich die Villa Simon – 1914 vom Basler Eisenbahnarchitekten Emil Faesch erbaut – auf der gegenüberliegenden Seite des Schlosses Au erwerben können. Sie dient heute als Schulungszentrum der kantonalen Verwaltung.
Für Höhlenforscher
Der Weg führt nun nah am Wasser durch das Schlosswäldchen zum Schiffsteg. Im Gehölz können Forschende jeden Alters direkt neben dem Spazierweg die Höhlen erkunden. Helm und Taschenlampe sind zu empfehlen. Die Halbinsel Au entstand vor etwa 130’000 Jahren. Damals lagerte der Linthgletscher eine Grundmoräne ab. Das nachströmende Eis formte daraus einen Drumlin. Während und nach dem Abschmelzen des Eises bildeten sich durch das Wasser Deckenschotter. Diese wurden durch kalkhaltiges Wasser zu einem nagelfluhähnlichen Gestein verkittet. Die begehbaren Trockenhöhlen entstanden vor etwa 10’000 Jahren durch die Brandung des Zürichsees. Damals lag der Seespiegel etwa einen Meter höher als heute. Die kürzere und offene Höhle ist 13 Meter lang. Der längere Gang misst 31 Meter und ist mehr als doppelt so lang. Er wird mit einem Gittertor verschlossen. Die ursprünglich natürliche Höhle wurde von Menschenhand vergrössert.
Landgasthof Au
Oben auf der Inselkuppe steht der Landgasthof Au, der 1959 gebaut wurde. Er ersetzte die Kur- und Heilanstalt Au aus dem Jahr 1866, die eine Trinkhalle hatte. An ihrer Stelle befindet sich heute ein Gartensaal. Im Jahr 1911 musste die Kuranstalt Konkurs anmelden. Es drohte die Versteigerung aller Gebäude an den Meistbietenden. Danach hätte der Rebhügel überbaut werden können. Das störte Fritz Weber-Lehnert (1870 – 1955), den Besitzer der Wädenswiler Brauerei und damaligen Gemeindepräsidenten. Innerhalb von 48 Stunden gründete er das Au-Konsortium. Dieses Unterstützungskomitee sammelte das nötige Geld, um die Halbinsel als öffentlichen Ausflugsort zu erhalten.
Weinbaumuseum
Einen würdigen Abschluss der Perlenkette am Zürichsee bildet die Vordere Au. Seit 1978 befindet sich in einer markanten Scheune das Weinbaumuseum Zürichsee. Die Idee dazu kam aus Küsnacht. Zwei Weinbau-Enthusiasten hatten bereits zwei historische Trotten gekauft, um sie in der spätmittelalterlichen Zehntenscheune einzubauen. Das Projekt scheiterte, aber die beiden Trotten waren schon da.
Eine der Trotten kam 1976 in die Au. Sie stammt aus Rorbas im Zürcher Unterland. Diese Weinpresse hat einen für Schweizer Verhältnisse ungewöhnlich langen Trottbaum von zwölf Metern und ist noch immer funktionstüchtig.
Vom Weinbaumuseum führt ein kleines Strässchen zum Bahnhof Wädenswil. Es ist von Hecken und Gärten gesäumt und weckt besonders im Sommer mediterrane Gefühle. Viel Vergnügen beim Wandern!

Erlebnis
Wellen, Wahrzeichen, Wein
Von der Sust Horgen bis zur Halbinsel Au mit dem Weinbaumuseum führt eine Wanderung zwischen Geschichte und Genuss. Start bei der Sust Horgen oder beim Weinbaumuseum möglich. Hier sind die Perlen auf dem Weg.
Museum Sust Horgen, Bahnhofstrasse 27, 8810 Horgen, offen sonntags, 14 – 17 Uhr – susthorgen.ch
Zürichsee-Fähre, Hirsackerstrasse 34, 8810 Horgen
Badewiese Naglikon, Seeweg 152, 8804 Au
Schloss Au, Hinter Au 1, 8804 Au
Landgasthof Halbinsel Au, Austrasse 59, 8804 Au
Weinbaumuseum am Zürichsee, Austrasse 41, 8804 Au, offen sonntags von April bis Oktober – weinbaumuseum.ch