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Tiefster Sodbrunnen in Regensberg

Hoch oben auf einem Hügelzug eröffnet das Landstädtchen Regensberg einen einzigartigen Blick über das Zürcher Unterland bis hin zu den Alpen. Doch es hat noch mehr zu bieten – einen bemerkenswerten Rekord.

Der Weg führt von der Bushaltestelle Dorf auf einer Kopfsteinpflasterstrasse, vorbei an sorgfältig restaurierten Häusern, von der Unter- in die Oberburg. Städtliführer Kurt Brunner hat auf diesem historischen Pfad viel zu erzählen. In jedem Haus, in jeder Ritze stecken Geschichten vergangener Zeiten. Kurz den herrlichen Ausblick geniessen, bevor wir unter dem Rundbogentor hindurchgehen und vor dem «Pièce de Résistance» stehen: dem «tiefsten Sodbrunnen der Schweiz» – was man allerdings auf der Habsburg etwas anders sieht.

Ein Sodbrunnen ist ein einfacher Ziehbrunnen, aus dem man mit Eimern Grund- und Regenwasser schöpfen konnte. Schnell ein Fränkli in den Münzschlitz, und schon ist der Brunnen, geschützt durch ein engmaschiges Gitter, hell beleuchtet.

«Wir schauen 57 Meter in die Tiefe», meint Kurt Brunner, noch immer fasziniert von dem Anblick. Der Brunnen wurde um 1245 gebaut, gleichzeitig mit dem zwanzig Meter hohen fünfstöckigen Rundturm. «Für den Bau des Turms brauchten die Bauleute Wasser, um aus Kalk und Sand Mörtel zu mischen.» 

57 Meter tiefes Abenteur

Der pensionierte Innenarchitekt führt seit zehn Jahren Schulklassen und Gruppen durch das malerische Städtchen – ein Halt am Sodbrunnen gehört selbstverständlich dazu.

«Als die Regensberger damals mit dem Brunnenbau begannen, wusste niemand, wie tief sie graben mussten, um an Grundwasser zu gelangen. Dabei verwendeten sie Hammer und Meissel, und dank der Schmiedekunst konnten sie die stumpfen Werkzeuge immer wieder einsatzfähig machen», erzählt der Stadtführer.

Tiefster Sodbrunnen der Schweiz? Mit einer Breite von 1,80 Metern und einer Tiefe von 57 Metern beeindruckt der Sodbrunnen von Regensberg bis heute. Als er ab 1632 ausgedient hatte, füllten ihn die Regensberger achtlos mit Abfällen auf. Erst im 20. Jahrhundert kam er wieder zu Ehren – als Sehenswürdigkeit.

Saurer Wein statt Sprengstoff?

Es gab allerdings einen Trick, um beim Graben schneller voranzukommen. Regensberg steht auf Kalkfels. Und Kalk wird spröde, wenn er erhitzt wird. Also machte man am Grabeort Feuer, um den Stein zu lockern. «So gingen die Arbeiten schneller voran. Böse Zungen behaupten sogar, dass man den damals sicher sauren Regensberger Wein in das Loch schüttete, um das Gestein aufzulösen», meint Brunner lachend.

Als im 17. Jahrhundert Quellbrunnen gebaut wurden – ein besonders schönes Exemplar steht einen Steinwurf vom Sodbrunnen entfernt –, schütteten die Regensberger den Sodbrunnen mit Schutt und Abfall zu und deckten ihn ab. Erst 1960 wurde der Brunnen freigelegt, mit Schutzvorrichtungen ausgestattet und beleuchtet. Seither steht er unter Denkmalschutz und ist der (mutmasslich) tiefste freigelegte Sodbrunnen der Schweiz.

Wissen

Das Werk von Hammer und Meissel

Regensberg bietet einen traumhaften Panoramablick übers Zürcher Unterland bis zu den Alpen. Und wer übers Kopfsteinpflaster zur Oberburg hinaufspaziert, trifft auf einen beeindruckenden Rekord: den tiefsten freigelegten Sodbrunnen der Schweiz.

Oberburg, 8158 Regensberg