
Zürcher Staatsarchiv
Kronjuwelen sucht man im Zürcher Staatsarchiv vergebens. Unter rund dreissig Kilometern Schriftgut liegen aber 400 Objekte, die das Personal aus Amtsstuben und Kanzleien gerettet hat. Drei besonders reizvolle Stücke holen wir hier ans Licht.

Würde man die Aktenschachteln und Bände des Zürcher Staatsarchivs auf ein einziges Bücherregal stellen, ergäbe dies eine Strecke von Zürich nach Winterthur respektive 30 Kilometer. Weniger bekannt sind die 400 Objekte, die das Personal aus Amtsstuben, Kanzleien und Gerichten gesammelt hat. Wie es sich für eine Republik ziemt, sucht man darin die Kronjuwelen vergebens. Das bedeutet aber nicht, dass es keinerlei Kostbarkeiten gäbe.
Von grosser Bedeutung sind alle Mustermasse der Eichstellen und der Kornverwaltung. Nur dank ihnen lassen sich die alten Hohlmasse und Gewichte eruieren, die vor der verbindlichen Einführung des metrischen Systems in der Schweiz verwendet worden waren: Andere Zeiten, andere Sitten. Einige «Staatsaltertümer», wie man die Objekte auch nannte, sind schon bei der Gründung des Landesmuseums 1896 als ausstellungswürdig erkannt worden. Die Eidgenossenschaft verfügte damals über wenige eigene Kulturgüter, sodass Stadt und Kanton Zürich sowie die Antiquarische Gesellschaft ihre Sammlungen dem neuen Museum anvertrauten. Viele Waffen wie Kanonen, Hellebarden und Spiesse stammten aus den Zürcher Zeughäusern.
Nicht alle Objekte in der Sammlung des Staatsarchivs sind alt-ehrwürdig. Immer mehr Verwaltungen sehen ihre Bürgerinnen und Bürger als Kundinnen und Kunden. Das zeigt sich in kleinen Aufmerksamkeiten wie einem schicken Aschenbecher aus Glas mit dem Logo der Kantonalen Verwaltung und einem eleganten Brieföffner des Kantonsrats. Eine Zinnfigur – ein Landjäger mit geschultertem Gewehr – erinnert an das 200-Jahre-Jubiläum der Kantonspolizei im Jahr 2004. Ein nützliches Werbegeschenk der Staatsanwaltschaft war ein besticktes Schlüsselband.
Juwelen sind diese kleinen Aufmerksamkeiten wie etwa der feuerfeste Küchenhandschuh der Kantonalen Gebäudeversicherung GVZ vorderhand noch nicht. Aber sie haben das Potenzial, es zu werden.

Für den treusten Freund
Im Jahr 1995 wurde im Bezirksstatthalteramt Meilen ein Messgerät für Hunde aus dem Jahr 1909 gefunden. Schon in der Zeit der Helvetik (1798 – 1803) stand die Idee im Raum, Luxussteuern einzuführen. Da damals viele Menschen höchstens an Sonn- und Feiertagen Fleisch auf dem Teller sahen, galt die Fütterung von Hunden schon fast als verschwenderisch.
Anno 1805 führte der Kanton Zürich per Gesetz die Hundemarke ein. Sieben Jahre später kam eine Abgabe von zwei helvetischen Franken pro Jahr und Tier hinzu. Davon wies der Kanton fünfzig Rappen den Armengütern der Gemeinden zu.
Ab dem Jahr 1857 wurden das Geschlecht, das Alter, die Rasse und die Fellfarbe der Hunde erfasst, jedoch nicht die Risthöhe. Junge Hunde unter sechs Monaten waren von der Steuer befreit. Wenn ein Hundebesitzer ein fragwürdiges Alter nannte, liess das Statthalteramt jedoch durch wiederholte Messungen der Körpergrösse prüfen, ob der Hund schon ausgewachsen war.
Seit dem Jahr 1984 werden die Einnahmen aus der Hundesteuer den Gemeinden zugewiesen. Die Höhe der Steuer leitet sich aus den entstehenden Kosten, wie etwa der Reinigung öffentlicher Flächen, ab. Und sie gilt sogar schon für Welpen.

Alles auslöffeln
Im Kontext der Zürcher Reformation wurde im Jahr 1525 das Ehegericht ins Leben gerufen, das vornehmlich mit weltlichen Richtern besetzt war. Von 1599 bis 1798 tagte das Gremium, das unter anderem für Ehescheidungen zuständig war, im ersten Stock der stark riechenden städtischen Metzg gegenüber dem heutigen Café Rathaus.
Aus dem Zürcher Ehegericht stammt ein geschnitzter Doppellöffel mit zwei Schalen und einem Kinderlöffel – heute befindet er sich im Landesmuseum. Der Löffel mit nur einem Stiel symbolisierte die gewachsene eheliche Gemeinschaft in Erwartung des Kindersegens. So sehr die Erklärung einleuchtet, hält sich die Legende hartnäckig: Mit dem Doppellöffel sollen zerstrittene Ehepaare zu einem versöhnlichen Mahl zusammengebracht worden sein. Unbestreitbar gehörte zu jedem Scheidungsverfahren ein Versuch zur Aussöhnung.
In Bern hat der Glasmaler, Karikaturist und Gefängniswärter im Nebenamt Hans Jakob Dünz (1575 – 1649) scheidungswillige Ehepaare jeweils gemeinsam eingesperrt. Dies geht aus seinem über dreissig Jahre geführten Journal hervor, dem «Lochrodel». Gelegentlich fügte er bei den Bezeichnungen der Gefangenen ein Symbol in Form eines gewöhnlichen Löffels und eines Tellers hinzu. Heute würden wir von einem Emoji sprechen, das Interpretationen zulässt.

Schön versiegelt
Das aktuelle Staatssiegel des Kantons Zürich zeigt die zwei Stadtheiligen Felix und Regula sowie deren Diener Exepurantius. Es kommt unter anderem bei der Ausfertigung eines Regierungsratsbeschlusses oder eines im Kanton Zürich beantragten Schweizer Reisepasses zum Einsatz.
Das älteste Wachssiegel der Stadt Zürich stammt aus der Zeit um 1225. Bei den jüngeren Urkunden wurden gleichzeitig das grosse Siegel und das kleinere Sekretsiegel verwendet. Der vergoldete Silberstempel für das grosse Siegel datiert ins Jahr 1347. Er ist wie der Stempel für das kleine Siegel aus dem Jahr 1417 ebenfalls noch vorhanden. Das grosse Siegel verwendete man nach der Reformation immer seltener. Im 18. Jahrhundert zückte man es nur noch für Ehrenurkunden. Das kleine Sekretsiegel wurde während der Helvetischen Republik von 1798 – 1803 vorübergehend ausser Dienst gestellt.
1851 gab die Staatskanzlei die beiden mittelalterlichen Siegelstempel ins Archiv und liess nach dem Vorbild des kleinen Siegels eine Gebrauchskopie erstellen.
Wissen
Kuriose Objekte und Amtsschimmel
Das Zürcher Staatsarchiv auf dem Areal der Universität Zürich Irchel ist «das Gedächtnis des Kantons». Es ist zu Bürozeiten geöffnet – und beherbergt zwischen Aktenbergen auch begreifbare Zeitzeugen der kantonalen Verwaltung: von Siegeln bis zum Aschenbecher mit Logo.
Winterthurerstrasse 170, 8057 Zürich – staatsarchiv.zh.ch